Die Mosaiken des Nordsee-Gymnasium-Büsum
(Urse Klau, Studienrätin)
An den Außenwänden der beiden Treppenaufgänge des Gymnasiums wurden im Herbst des Jahres 1965 zwei Mosaiken angebracht. Sie stellen die zwölf Taten des Herakles dar. An der Südwand in der oberen Reihe links beginnt der Zyklus mit dem König Eurystheus, dem der Herakles das Fell des Nemeischen Löwen bringt. Aus Angst vor der Stärke des Helden ist der König in einen ehernen Topf gekrochen. Die am Topf dargestellte Schlange kennzeichnet die Verschlagenheit des Königs. Rechts daneben kämpft Herakles mit der Hydra. In der mittleren Reihe begegnet Herakles der Göttin Artemis, nachdem er die Hirschkuh Kerynitis lebendig gefangen hat. Durch einen Baum wird diese Darstellung getrennt von der vierten Tat des Helden, wie er den erymanthischen Eber fängt, der, wie die Hirschkuh, der Göttin Artemis geheiligt ist. In der unteren Reihe bekämpft Herakles die Stymphaliden in Arkadien. Er scheucht die Raubvögel mit ehernen Klappern auf, die er zuvor von der Göttin Athene erhalten hat. Rechts daneben reinigt Herakles den Stall des Königs Augias.
Auch das Mosaik an der Nordwand ist in drei Reihen aufgeteilt. Die obere Reihe setzt den Zyklus fort, wie Herakles den rasenden Stier des Königs Minos in Kreta bändigt. Der Stier war ein Geschenk des Poseidon an den König Minos, der ihm diesen opfern sollte. Zwischen dieser und der folgenden Darstellung steht eine Säule. Rechts von ihr zähmt Herakles eine der Stuten des Traziers Diomedes. Die mittlere Reihe beginnt mit der Königin der Amazonen, Hippolyte, wie sie dem Herakles als Lösegeld für ihre Führerin der Amazonen, Melanippe, den goldenen Gürtel überreicht. Das Verbindungsstück zwischen dieser und der darauffolgenden Darstellung bildet eine Säule, an der der Schild der Athene hängt. Athene ist die Schutzgöttin des Herakles. Rechts daneben kämpft Herakles mit dem zweiköpfigen Hund Orthros und dem Riesen Geryones, der drei Leiber, drei Köpfe, sechs Arme und sechs Beine hatte. Durch diese Tat kam der Held in den Besitz der Rinder des Riesen. In der unteren Reihe rechts wird dargestellt, wie Herakles von Atlas das Himmelsgewölbe übernimmt, der ihm dafür die Apfel der Hesperiden verschafft, deren Baum von einer Schlange bewacht wird. Unten links bringt Herakles dem König Eurystheus den dreiköpfigen Höllenhund.
Die Entwürfe und Legekartons wurden von dem freischaffenden Künstler Winfried Klau angefertigt, das Schlagen der Steine und die Legearbeit in gemeinsamer Arbeit mit den Schülern und Schülerinnen des Gymnasiums innerhalb des Kunsterziehungsunterrichts der Studienrätin Urse Klau durchgeführt. Fast das ganze erste Schulhalbjahr des Schuljahres 1965/66 waren die Klassen Quinta und Quarta am Mosaiklegen beteiligt, und etwa vier Schulwochen arbeiteten beide Obertertien mit.
Jede Klasse arbeitete in zwei Gruppen; die am Schulort wohnenden Schüler und Schülerinnen hatten am Vormittag während des Kunsterziehungsunterrichts frei und kamen dafür die entsprechende Zeit am Nachmittag zum Mosaiklegen. So entstanden Arbeitsgruppen mit etwa 10 bis 15 Schülern. Dadurch fand am sechs Meter langen freistehenden Legetisch jeder den nötigen Platz. Auf dem Tisch lag jeweils der Legekarton von einer Reihe des Mosaiks mit den spiegelverkehrt aufgezeichneten Umrissen der Figuren. Die Steine zum Legen des Mosaiks wurden aus Ziegel- und Klinkerverblendplatten in den vier Farben Weiß, Rot, Gelb und Schwarz von den Schülern geschlagen, anschließend in Kartons nach Form, Größe und Farbe sortiert. Unter Anleitung des Künstlers und der Kunsterzieherin legte jeder Schüler nach Wunsch und Fähigkeit einen zusammenhängenden Bildflächenteil. Dadurch erhielt der Schüler ein persönlich-lebendiges Verhältnis zu seiner Arbeit, und sie forderte durch die Flächenbegrenzung von ihm verantwortungsvollen Einsatz. Innerhalb der großzügig angelegten Komposition war im einzelnen Legeteil genug Spielraum und Platz für die eigenständige Ausdrucksweise und Empfindung in der rhythmischen Gestaltung dieses Teiles durch das Legen von Einzelsteinformen. Das Gefühl für die großen Zusammenhänge ging dem Schüler dabei nicht verloren, weil er die Möglichkeit hatte, jederzeit den ganzen Bildstreifen zu betrachten. In enger Zusammenarbeit mit seinem Nachbarn und durch die Einfühlung in die Steinfolge der schon fertiggelegten Bildteile entstand ein organisch gewachsener Bildzusammenhang im Steinlegegefüge. Besonders schwierige Stellen, wie zum Beispiel die Köpfe der Figuren, legte der Künstler selbst.
Der kunsterzieherische Wert der Mosaikarbeit lag für den Schüler erstens in der Einfühlung in die handwerkliche Tätigkeit des Zuschlagens von Steinen aus fabrikmäßig geformten hartgebrannten Tonplatten und zweitens in dem organischen und formgerechten Legen der geschlagenen Steine nach den Flächenformen des gezeichneten Kartons. Das Schlagen der Steine erforderte von den Schülern die Vertrautheit mit der Härte und Struktur des zu schlagenden Steines und die Genauigkeit im Schlag in der Lage und Richtung zur Auflage unter dem Stein. Mit der gestaltenden Arbeit des Legens war immer wieder die Notwendigkeit des Übersetzens und Umdenkens von Flächenformen figürlicher Darstellung in Steinformen und Steinreihungen verbunden. Durch die Beschränkung auf vier Farben gab es keine Ablenkung von der Steinform und der Steinfolge durch zufällige reizvolle Farbeffekte innerhalb der Einzelform. Verglichen mit der Figurengröße war die Steingröße im Mosaik relativ groß gehalten, was wiederum zur Auswahl geeigneter Steinformen anregte und somit den Formensinn des Schülers förderte.
Da jeder Bildstreifen im Ganzen gelegt wurde und das Zerteilen in anlegbare Stücke erst danach erfolgte, war es gegeben, daß die Schüler bei der Legearbeit über ihren zu legenden Bildteil hinaus immer mit den kompositionellen Zusammenhängen des ganzen Bildes in Verbindung blieben. Hierin unterschied sich die Legearbeit der Schüler von der Legetechnik in den heutigen Mosaikwerkstätten, bei der erst der Karton zerteilt wird und in Einzelheiten aus dem Zusammenhang herausgelöst das Bild gelegt wird, wobei der einzelne Mitarbeiter über seinen Legeabschnitt hinaus keine unmittelbare Fühlung mit der Gesamtlegegestaltung hat. Wir konnten bei unserer Arbeitsweise immer den organischen Zusammenhang des Ganzen wahren und die Einzelteile aufeinander abstimmen; so konnten wir zum Beispiel genau beurteilen, inwieweit flächenhafte oder plastische Wirkungen an den einzelnen Stellen des Bildes erforderlich waren.
Durch die gute Zusammenarbeit von Schülern, Künstler und Kunsterziehung entstand, unter zum Teil selbstlosem Einsatz, der Mosaikzyklus „Die zwölf Taten des Herakles“, dessen Ausführung möglich gemacht wurde durch die freundliche finanzielle Unterstützung der Gemeinde Büsum und die wohlwollende Zustimmung des Herrn Kultusministers des Landes Schleswig-Holstein.
(aus: Nordsee-Gymnasium-Büsum 1947-1967. Festschrift zur Einweihung des Neubaues. 4. Oktober 1967, Verlag: Boyens & Co, Heide 1967, S. 24f.)
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